HEIMWEHTASCHENTÜCHER

Die niederländische Künstlerin Marja Scholten-Reniers lebt seit über 20 Jahren in Villingen-Schwenningen. In ihrem Projekt „Heimwehtaschentücher“ versucht sie, den Migrationserfahrungen von aus aller Welt in die Region gezogenen Personen Ausdruck zu verleihen. Sie bittet um einen Spruch in der jeweiligen Muttersprache, der das schillernde Gefühl von „Heimat“ artikuliert. Die erhaltene handschriftliche Notiz stickt sie auf ein Taschentuch. Seit 2009 sind so etwa 80 Arbeiten entstanden.

Stofftaschentücher, zumal mit Spitzenbesatz, und Stickarbeiten vermitteln den Eindruck des Altertümlichen und Heimeligen. Sprichwörter zum Thema Heimat und Fremde sind meist emotional aufgeladene Bekenntnisse der Zugehörigkeit zu einem Kollektiv oder einer Landschaft. Der von der Künstlerin gesetzte Titel „Heimwehtaschentücher“ lässt zudem eine schmerzliche Verlusterfahrung anklingen. Jederzeit und Überall hin mitnehmbar werden die Taschentücher so zu einem Heimatersatz auf kleinstem Raum aufgeladen.

In den Notizen der Projektteilnehmer fließen individuelle Positionen und kollektive kulturelle Ausdrucksmittel ineinander, sowohl im Schriftbild wie im Inhalt. Der Überblick bietet eine unerschöpfliche kalligrafische Vielfalt und ein Kompendium der Schriften der Welt. Inhaltlich ist die Bandbreite der Themen und der Emotionen groß. Die Aussagen reichen von der Abwehr jeglichen (Selbst-)Mitleids über ortsunabhängige Glückshoffnungen bis zur Klage über ein emotionales Leiden, das mit körperlichen Gebrechen gleichgesetzt wird.

exh. catalogue: Villingen-Schwenningen, Franziskanermuseum , 2012: Heimwehtaschentücher; Marja Scholten-Reniers. (text): Hütt, Michael, Einleitung. (transl.): David Artz (publ.): Kunstverein Villingen-Schwenningen e.V.